Gefahr für Mensch und Tier

Im Allwetterzoo Münster scheint die Welt noch in Ordnung. Denn die beiden neuen Springtamarine, eine Primatenart aus der Familie der Krallenaffen die von der IUCN als „gefährdet“ (vulnerable) gelistete ist, haben sich auf Anhieb sehr gut verstanden und geben dem Team des Zoos Hoffnung. „Wir haben eine offizielle Zuchtempfehlung für diese Tiere bekommen. Wenn alles gut läuft, können wir schon in 2021 mit Nachwuchs bei dieser seltenen Affenart rechnen“, erklärt Miriam Göbel. Sie ist die neue Kuratorin im Allwetterzoo

und ist unter anderem für die Primaten zuständig. „Es hat eine Weile gedauert, bis wir ein passendes Weibchen für unseren männlichen Springtamarin gefunden haben. Und dann musste seine neue Partnerin nach ihrer Ankunft aus Birmingham, England, auch noch länger in Quarantäne bleiben als geplant. Aber das Warten hat sich gelohnt. Unsere beiden Tiere sind schon zwei echte Goldstücke.“

Springtamarine leben im westlichen Amazonasbecken in Südamerika. „Ihr Lebensraum sind Wälder, wobei sie Primärwälder und Bambuswälder bevorzugen und von Menschen berührte Gebiete oft meiden“, so die Kuratorin. Die Tiere kommen nach derzeitigen Stand der Forschung nur fleckenhaft vor. Zudem ist es besonders schwer die flinken Tiere in dem dichten Grün ihres Lebensraumes zu finden und zu zählen. So sei es selbst in dem vergleichsweise gut zu überschauenden Gehege im Allwetterzoo Münster gar nicht so einfach, die Tiere zu beobachten.

Kampf um Lebensraum und Rohstoffe

Der Cocha Salvador im Manu Nationalpark, Peru. © Daniel Rosengren / FZS

Mit ihrem glänzenden Fell und ihren Knopfaugen sind sie sympathische Botschafter für ihren natürlichen Lebensraum. Doch das alleine reicht nicht aus. Denn wenn im Kontext mit diesen Tieren von einer goldenen Zukunft gesprochen wird, ist das nicht positiv gemeint.

Neben der Rodung der Regenwälder setzt auch ein anderer Wirtschaftszweig den kleinen Primaten arg zu und bedroht sie sowie ganze Ökosysteme. Es geht um das sogenannte „Goldmining“. Hierbei sind aber weniger die großen internationalen Tagebauunternehmen

gemeint, gleichwohl diese mit ihren offiziellen Schürfungslizenzen ebenfalls ganze Regionen bedrohen und zerstören. Es sind vor allem die vielen kleinen Minen, die Schürfer einzeln oder in Kleinstgruppen, und meist illegal betreiben, die die Natur massiv schädigen.

Auch die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) ist sich der Problematik des Goldmining bewusst und versucht den negativen Entwicklungen mit Aufklärung und Forschung entgegenzuwirken. Sie agiert dabei sowohl von ihrem Hauptsitz in Frankfurt am Main aus, hat aber auch Experten vor Ort. „Peru hat Großbergbau in den Anden, aber im Amazonasgebiet wird hauptsächlich Goldwaschen betrieben. Obwohl das eher nach geringer Aktivität klingt, wissen wir, dass die Auswirkungen gewaltig sind“, sagt Astrid Aguilar. Sie ist studierte Ökologin und bei der ZGF die Gold-Koordinatorin, beziehungsweise Gold Mining & Conservation Coordinator. „Der konstant hohe Goldpreis lockt immer mehr illegale Goldwäscher. Sie zerstören den Regenwald und gefährden ihr eigenes Leben sowie die Leben dritter.“

Gold wird in einem Geschäft in Puerto Maldonado verkauft. Der Mitarbeiter der FZS wurde für einen Touristen gehalten, sonst wäre dieses Foto wahrscheinlich nicht entstanden. © Daniel Rosengren / FZS

In Ländern wie Peru, in denen Aguilar vor Ort tätig ist, können Goldwäscher oft nur schwer kontrolliert werden. Dabei ist der wirtschaftspolitische Schaden enorm. „Die illegalen Goldwäscher verkaufen ihr Gold an Zwischenhändler. Diese an den nächsten Zwischenhändler und so weiter. Irgendwo in diesem Geldwäsche-Prozess wird es ,legal' “, beschreibt sie den Weg vorbei an den offiziellen Schürfgenehmigungen.

Damit Goldsucher auch in die abgelegensten Ecken gelangen, benötigen sie eine Infrastruktur. Und je besser diese ist, umso mehr „Glücksritter“ kommen. „Wir mussten in Peru leider schon mit ansehen, was es für eine Region bedeutet, wenn sie dank neuer und

gut ausgebauter Straßen einfach und schnell zu erreichen ist“, so Prof. Dr. Eckhard Heymann, Verhaltensökologe am Deutschen Primatenzentrum und Leiter einer Forschungsstation in Peru. Innerhalb kürzester Zeit würden sich vormals tropische Wälder in kahle, tote und verseuchte Mondlandschaften verwandeln. Provisorische Siedlungen würden zudem Zivilisationsprobleme wie Müll, Kriminalität oder Krankheiten, wie zuletzt Covid-19, direkt zu den indigenen Bewohnern und in die Ökosysteme bringen. Zudem folgen den Forst- und Minenarbeitern Wilderer, die Tiere für den lokalen und regionalen Fleischkonsum und den illegalen Wildtierhandel jagen. Heymann spricht aus jahrelanger Erfahrung: „Ich bin nun schon seit 1982 in Peru tätig und die Entwicklung ist leider meist dieselbe. Ohne vorbereitende und begleitende soziale sowie ökonomische Maßnahmen, Umwelterziehung und Naturschutzbemühungen beginnt mit dem Bau einer Straße eine fatale Abwärtsspirale. Zurück bleiben eine zerstörte Natur und kranke Menschen.“

Eine giftige Angelegenheit

Aktuell hat die ZGF die Sorge, dass eben eine solche Straße auch in das größte peruanische Naturschutzgebiet gebaut werden könnte und dann nicht nur die dort lebenden Springtamarine bedrohen würde. Der Manú Nationalpark liegt im südöstlichen Peru und spannt sich über drei Vegetationsstufen, was seine Biodiversität besonders spannend und vielfältig macht. Das Areal des UNESCO-Weltnaturerbes umfasst fast 19.000 Quadratkilometer. In diesem noch sehr schwer zugänglichen Gebiet forscht und arbeitet unter anderem die ZGF. „Eine infrastrukturelle Erschließung dieser Region hätte katastrophale Auswirkungen auf die Natur“, sind sich die Experten einig.   

Neben dem Holzeinschlag, der sofort erkennbare Spuren in der Landschaft hinterlässt, hat dann auch die illegale Goldwäsche entlang der Flüsse einen großen negativen Einfluss auf die erschlossenen Gebiete. Das hat vor allem etwas mit der Art der Goldgewinnung zu tun. Der gefährliche Helfer der Goldwäscher heißt hierbei Quecksilber. Das giftige Schwermetall wird benötigt, um die Goldpartikel aus den Flusssedimenten herauszuholen. „Es handelt sich um das Amalgamierungsverfahren. Die Goldwäscher mischen das Quecksilber mit  den goldhaltigen Flusssedimenten. Dabei verbindet sich das edlere Gold mit dem Quecksilber zu der Legierung Amalgam. Diese schwere Legierung sinkt in Waschrinnen zu Boden und kann abgefiltert werden. Dann wird sie  erhitzt, sodass das Quecksilber verdampft. Zurück bleibt reines Gold. Dieser Prozess gefährdet aufgrund der giftigen Quecksilberdämpfe die Gesundheit der Goldwäscher, ihrer Familien, und die von Menschen, die in der Nähe leben, stark. Aber das Quecksilber gelangt auch in die Luft und ins Wasser und somit in Ökosysteme und Nahrungsketten“, erklärt Astrid Aguilar. Neben Quecksilber gelangen zudem weitere giftige Abfallprodukte wie Arsen, Blei oder Kadmium in die Umwelt. Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass auf diese Weise jedes Jahr rund 100 Tonnen Quecksilber allein in den Amazonas und so auch in Seen, Meere und die Nahrungskette gelangen.

© Daniel Rosengren

 © Daniel Rosengren / FZS

Alternativen für die Bevölkerung schaffen

Institutionen wie die ZGF wollen daher nicht nur in den Abnehmerländern des wertvollen Edelmetalls für einen besseren, fairen und sauberen Abbau werben. „Zwar existieren bereits Verfahren, die ohne Cyanid oder Quecksilber auskommen, diese sind jedoch relativ aufwändig und eignen sich nicht für alle Golderze“, sagt Marco Dinter, Naturschutz-Trainee des WWF und derzeit eingesetzt bei der ZGF. In erster Linie sind aber solche Verfahren vor allem für die vielen tausend Goldsucher nicht umsetzbar. „Aus diesem Grund wollen wir den Menschen generelle Alternativen zum Goldabbau aufzeigen. Dafür benötigt es aber eine entsprechende Aufklärung in der Bevölkerung. Sie muss verstehen, dass die von uns aufgezeigten Einkommensalternativen ihnen ein Einkommen und damit ein Überleben sichern.“ Alternativen können im Land- und Forstwirtschaftsbereich liegen. „In Afrika haben wir zum Beispiel mit Mikrokrediten gute Erfahrungen bei der Wilderei-Bekämpfung gemacht. In selbst verwalteten Spar- und Mikrokreditgruppen, den COCOBAs, können die Menschen vor Ort einen kleinen Kredit bekommen. So können sie naturschutzkompatibler ihren Lebensunterhalt verdienen, indem sie eine Baumschule eröffnen oder eine Imkerei aufbauen“, nennt er Beispiele und betont: „Wichtig ist, dass wir echte Alternativen zum Goldwaschen schaffen, um so Menschen und Natur vor der schleichenden Vergiftung zu schützen. Die Menschen brauchen legale, wirtschaftlich konkurrenzfähige  Alternative, um für sich und ihre Familien zu sorgen.“ 

Der Verbraucher kann auch Verantwortung übernehmen

Auch in Deutschland können Mechanismen in Gang gesetzt werden, die den Goldabbau drosseln oder den Handel nachhaltiger machen. Die Organisation TransFair bringt zum Beispiel in Deutschland vermehrt fair gehandeltes Gold auf den Markt. Profitieren sollen davon vor allem Kleinbergbauern, die in Konkurrenz zu den Großindustriellen Bergbaumultis Gold schürfen. Doch auch fair gehandeltes Gold wird mittels Quecksilber oder Zyanid aus dem Gestein gelöst. Dabei müsste Gold eigentlich nicht abgebaut werden. Der Bedarf könnte vollständig durch Recycling von Altgold gedeckt werden. Allerdings, so Berichte der in Münster ansässigen NGO Christliche Initiative Romero, gibt es auch im Bereich des Recyclings noch Optimierungsbedarf. Durch nicht sachgemäße Entsorgung von Elektronikgeräten wie Handys landen allein in Deutschland jährlich rund 350 Kilo Gold mit einem Wert von 9 Millionen Euro im Restmüll.

Alte Mobiltelefone können unter anderem im Allwetterzoo abgegeben werden um sie fachgerecht aufzuarbeiten oder in ihre Wertstoffe zu zerlegen. Seit 2017 arbeitet der Allwetterzoo Münster hier mit der AfB-Group aus Düren in diesem Bereich zusammen. Das Unternehmen engagiert sich dabei nicht nur für den Artenschutz, sondern auch sozial, denn AfB steht für „Arbeit für Menschen mit Behinderung“. Würde die Wertschöpfungskette optimiert und somit Gold und andere Rohstoffe besser recycelt werden, würden nicht zuletzt Ökosysteme davon profitieren, und so auch die wilden Verwandten

der Münsteraner Springtamarine. „Natürlich freuen wir uns, wenn wir unseren Beitrag zur Arterhaltung leisten können. Aber noch mehr würde es uns freuen, wenn Arten in ihrem natürlichen Lebensraum unsere Unterstützung gar nicht benötigen würden“, sagt Miriam Göbel. „Nicht nur, wenn es um Weihnachtsgeschenke geht, sollten wir daher alle darauf achten, woher Rohstoffe für unsere Produkte kommen.“ (Sebastian Rohling)