Münsteraner Gänsegeier konnte
erfolgreich ausgewildert werden

Es war der 1. September 2020, als der junge Gänsegeier "Orville" für seinen Transport in die bulgarische Auswilderungsstation vorbereitet wurde.

Rund ein Jahr hat es vom Schlupf bis zum ersten Jungfernflug von „Orville“, so der Name des männlichen Gänsegeiers, über den Bergen und Hügeln Bulgariens gedauert. „Solche Nachrichten sind auch für uns immer was ganz Besonderes“, freut sich Marcel Alaze, Senior-Kurator im Allwetterzoo Münster. „Im Zoo geborene Tiere in die Auswilderung zu überführen, ist mit das schönste was man als Zoo machen kann. Es ist aufgrund der Lebensraumzerstörung und anderen Umständen aber gar nicht so einfach zu realisieren. Umso mehr freuen wir uns, dass nun schon mehrere Gänsegeier aus Münster ihre Kreise über Bulgarien ziehen.“

Die Klima- und Artenschutzeinrichtung an Münsters

Aasee ist schon seit vielen Jahren erfolgreicher Partner, wenn es um die Auswilderung von Geiern geht. Bereits 13 Vögel hat der Allwetterzoo in den vergangenen zehn Jahren erfolgreich an Auswilderungsprojekte abgegeben.

Vor der Auswilderung besendert

Die Flugdaten des ersten Ausflugs von "Orville". Foto: Green Balkan

Die Reise für den aktuell ausgewilderten Vogel begann bereits am 1. September 2020. Acht Monate später konnte er in der vergangenen Woche seine imposanten Flügel ausbreiten und erstmals über dem bulgarischen Balkangebirge seine Runden drehen – oder vielmehr auf einer gerade Linie fliegen, wie seine Daten zeigen. „Das Besondere an diesem Tier ist, dass es nicht nur markiert, sondern auch besendert worden ist“, erklärt Alaze. „Die für die Auswilderung zuständige Organisation Green

Balkans NGO kann damit wertvolle Daten erheben. So kann in Erfahrung gebracht werden, wie sich die Tiere in ihrem neuen Lebensraum verhalten. Daten, die unter anderem für weitere Auswilderungen von Bedeutung sind.“

Es gibt aber auch noch eine zweite Kontrollmöglichkeit für das Team von Green Balkan. „Die Tiere werden auch weiterhin an einem Futterplatz versorgt. Hier können sie ebenfalls beobachtet und aufgrund ihrer Markierung zugeordnet werden“, erklärt der Kurator. „Orville ist immer deutlich an der Kennzeichnung M7 auf seiner linken Schwinge zu erkennen.“ So würde es im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Projektes regelmäßig Fütterungen für die schon freilebenden Vögel geben. Gänsegeier fressen wie alle anderen Geier fast ausschließlich tote Tiere, im Zoo wie in der Natur. Die großen Tiere waren lange Zeit als „Gesundheitspolizisten“ gern gesehen. Kein Aas blieb in ihrem Gebiet liegen und die Ausbreitung von Seuchen wurde so verhindert. Doch die Menschen sahen auch in den Geiern Nahrungskonkurrenten und rotteten sie aus. Sie sorgten dafür, dass Viehkadaver nicht liegen blieben oder legten gar vergiftete Köder aus.

Der erste Ausflug ging nur bis vor die Voliere. Foto: Green Balkan

Das Team von Green Balkan makiert den Gänsegeier. Foto: Green Balkan

Langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit

Das Geier-Projekt startete erstmals im Jahr 2010. Es wird in Zusammenarbeit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und der Stiftung zum Schutz der Geier gemeinsam mit den bulgarischen Naturschutzorganisationen Green Balkans und Fund for Wild Flora and Fauna organisiert und finanziert.

Im Jahr 2015 wurde das erste Geierjungtier von ausgewilderten Vögeln aufgezogen und auch in den folgenden Jahren ging der Bruterfolg in der freien Wildbahn weiter. Geier-Nachzuchten aus dem Allwetterzoo Münster werden seit 2011 erfolgreich in dem bulgarischen Projekt ausgewildert. „Auch wir haben wieder Nachwuchs. Ein Küken sitzt in einem Horst und wird von seinen Eltern versorgt“, freut sich Marcel Alaze über die Nachzucht. Ob sie wie „Orville“ auch in das Auswilderungsprojekt nach Bulgarien gehen, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Marcel Alaze erklärt: „Es ist immer auch wichtig, eine genetisch stabile Zoopopulation zu haben, aus der dann die Tiere in die Auswilderung gehen. Die kommenden Monate werden zeigen, wie und vor allem wo es für den Jungvogel weitergeht.“

„Geier-Restau­rant“ im Allwetterzoo

Seit März 2016 informiert der Allwetterzoo seine Besucher in einer interaktiven Ausstellung „Geier-Restau­rant“ zum Thema Geier und Geierschutz. Die Auswilderung, der im Zoo geschlüpften Geier-Jungtiere in das Projekt in Bulgarien wird dort ebenso thematisiert wie die Artenschutzarbeit des ACCBs in Kambodscha, wo ein Geierrestaurant betrieben wird, das mittlerweile von zahlreichen Vögeln besucht wird.

Das Besondere an der Ausstellung ist die Nähe zu den im Allwetterzoo lebenden Mönchs- und Gänsegeiern. Diese kann der Besucher nämlich durch Fenster im Ausstellungsraum beobachten, da sie in einer Voliere direkt neben dem „Geier-Restaurant“ untergebracht sind. (Autor: Sebastian Rohling)